Kitten und die zu frühe Trennung von Muttertier und Wurfgeschwistern

 

… So sind Altersangaben von bspw. 8 Wochen noch recht häufig anzutreffen. Entsprechend frühe Abgaben werden dann mit Aussagen begründet, wie z.B.: „Im Alter von 8 Wochen können Kitten am besten auf den Menschen geprägt werden“. Es sei direkt erwähnt: Diese Aussage trifft nicht annähernd zu und entsprechende Ansichten sollten wir der Ära Steinzeit zuschreiben.

Mit steigender Tendenz werde ich seitens Kunden kontaktiert, deren Vierbeiner diverse Verhaltensauffälligkeiten, wie vor allem (extremes) Angst-/ und oder Aggressions- und/oder Markierverhalten zeigen. Begebe ich mich in die Problemanalyse, zeigt sich recht häufig eine Parallele: Die Tiere sind (viel) zu früh entwöhnt bzw. abgegeben/adoptiert worden, mit dem Resultat, dass sie gar nicht oder nicht vollständig sozialisiert wurden.

Doch ist eine gute Sozialisierung für den weiteren Lebensverlauf einer Samtpfote so wahnsinnig entscheidend! Denn sie hat u.a. einen maßgeblichen Einfluss auf die Fähigkeit der Katze, zukünftig mit Menschen und anderen Tieren friedlich zusammenleben zu können.

Was hat nun eine gute Sozialisierung mit der Trennung von Muttertier und Wurf-Geschwistern zu tun?

Katzenbabys lernen arttypisches Sozialverhalten durch den Umgang mit ihnen. Dabei kommt vor allem auch dem Sozialspiel (also, dem gemeinsamen Spielen von Kitten mit Mutter und Geschwistern) eine besondere Bedeutung zu. Denn es dient neben der Förderung und Verfeinerung der Bewegungsabläufe und dem kontrollierten Einsatz von Zähnen und Krallen vorrangig der Entwicklung der Fähigkeit, Sozialbeziehungen aufbauen und aufrechterhalten zu können sowie dem souveränen Umgang mit Frust, Ärger und Stress.

Was viele Menschen vermutlich nicht wissen, so zumindest immer wieder mein Eindruck: Ab der ca. 8. Lebenswoche beginnt für unsere Katzen die besonders wichtige Sozialisierungsphase. In dieser wird der Grundstein für die physische Gesundheit unserer Vierbeiner gelegt. Es festigt sich das Selbstbewusstsein und die Souveränität unserer Fellnasen. Beides stellt einen wesentlichen Bestandteil u.a. dafür dar, im Leben allgemein sowie mit neuen Situationen und Gegebenheiten problemlos zurechtzukommen. Ebenso wird den Jungen in der Sozialisierungsphase quasi das Katzen-ABC vermittelt. Indem die Mutter ihren Kleinen im täglichen Miteinander bei Fehlverhalten Grenzen aufzeigt, erlernen diese u.a., vor älteren Gruppenmitgliedern und damit später auch vor ihren menschlichen Bezugspersonen bzw. im Rahmen eines Mehrtierhaushalts vor anderen Tieren Respekt zu haben.

Können die Jungen diese wichtige Sozialisierungsphase nicht bzw. nicht vollständig abschließen, ist die Gefahr von Verhaltensauffälligkeiten wie bspw. einer extremen Ängstlichkeit, Aggressions- und/oder Markierverhalten sowie von gesundheitlichen Problemen erheblich höher, im Gegensatz zu gut sozialisierten Fellnasen. Es wird dann sehr schwer bis gar unmöglich, Versäumtes zu späterem Zeitpunkt wiedergutzumachen. Eines dürfte in diesem Zusammenhang außerdem klar sein: Selbst, wenn wir als Bezugsperson die Sozialisierung eines Kitten übernehmen wollten und dabei noch so bemüht sind, könnten wir das Miteinander unter Artgenossen in keinster Weise ersetzen. Wir können nun einmal nicht wie eine Katzenmutter erziehen.

Zum Glück wird die Wichtigkeit des Sozialkontaktes zwischen Jungtier und Mutter bzw. Geschwistern AB der 8. Lebenswoche zunehmend erkannt, sodass diverse Publikationen, aber auch Züchter, Tierheime & Co. immer häufiger eine Trennung des Jungtieres von Mutter und Geschwistern ab der 12. Lebenswoche realisieren. Mit dieser Handhabe kann ich persönlich zumindest ansatzweise mitgehen. Warum nur ansatzweise?

Neuere Erkenntnisse und auch meine Erfahrungswerte zeigen, dass oben genannte Kontakte für die Entwicklung von Katzen sogar bis zum Ende der 14. Lebenswoche bedeutungsvoll sind. Auch das Risiko von Stereotypien wie Nuckeln/Saugen an Textilien sowie Angst- und/oder Aggressionsverhalten steigt im Falle einer Trennung vor der 14. Lebenswoche sukzessiv.

So rate ich zur Abgabe bzw. Adoption eines Tieres auch erst nach der 14. Lebenswoche! In dieser Verantwortung gegenüber unseren Fellnasen sollten wir uns alle -egal ob Adoptanten, Züchter & Co.- sehen. Letztendlich haben wir es in der Hand, denn Angebot und Nachfrage bedingen einander. Selbst, wenn Abgabe-Angebote von knuddeligen Fellknäulen ab der 8. Lebenswoche noch so verführerisch sind, sollten wir zum Wohle unserer Katzen und auch in Hinblick auf unsere eigenen Nerven, unsere Zeit (für Trainingsmaßnahmen zur Minimierung von Verhaltensauffälligkeiten) und unseren Geldbeutel (für Tierarzt und Verhaltensberater) von diesen absehen.